Fünf häufige Vorurteile über Gothic – und ihre Folgen

Meistens bin ich eher damit beschäftigt zu erklären, was Gothic nicht ist, als zu erklären, was Gothic eigentlich ist. Der Schwerpunkt hat sich allerdings verlagert. Während in meiner schwärzlichen Anfangszeit noch das Satanisten-Klischee im Vordergrund stand, verbinden heute mehr Menschen BDSM mit Gothic. Unabhängig von ihren Annahmen verhalten sich manche Personen leider sehr distanzlos oder verbinden mit dem Anders-Sein der Anderen automatisch eine Wertung. Doch auch eine pauschal positive Bewertung kann falsch sein …


Satanismus, Hexentum und andere Formen von Okkultismus

In meiner Jugend (wow, das klingt alt *g*) war noch das Vorurteil verbreitet, Goths seien Satanisten, Hexen oder Okkultisten. Obwohl es natürlich einige gibt – und noch mehr gab –, die sich mit solchen Themen beschäftigen oder einen entsprechenden Glauben haben, waren es nie alle, noch nicht einmal die Mehrheit.

„Alle Goths sind Satanisten“ war also von Anfang an ein Vorurteil. Das Interessante: Je weniger Goths sich tatsächlich als gläubige Okkultisten fühlen, desto seltener wird auch dieses Vorurteil. Ich habe mich aber irgendwann gefragt, ob es nicht vielleicht umgekehrt ist. Selbst-Stereotypien können durchaus wirkungsvoll sein.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Einfluss in beide Richtungen existiert: Je weniger Goths Okkultisten sind, desto seltener wird das Vorurteil, alle Goths seien Okkultisten/Satanisten/Hexen etc. – aber auch: je seltener das Vorurteil, desto weniger identifizieren sich damit.

Einige „normale“ Menschen, aber auch viele Goths, sind der Überzeugung, dass Subkulturen für solche Einflüsse weniger anfällig sind. Sie seien so anders, dass selbst ur-menschliche Eigenschaften nicht mehr für sie gelten würden.

Das ist natürlich nicht so. 😉

BDSM, Bondage, Fetisch und andere sexuelle Spielarten

Vorweg: Ich habe nichts dagegen, wenn jemand solche Vorlieben verantwortungsvoll auslebt. Aber andere Menschen mit hineinzuziehen, die sich damit vorher nicht einverstanden erklärt haben, ist falsch. Das ist auch nicht besser als jemanden seinen Penis/ihre Brüste zu zeigen, ohne dass die Person ausdrücklich erklärt hat, dass sie das möchte.

Leider kommt es häufiger vor, dass Menschen annehmen, alle Goths würden auf BDSM stehen – oder sie glauben sogar, beides sei identisch. Auch das stimmt nicht.

Das Vorurteil finde ich in gewisser Weise gefährlicher als das Satanisten-Klischee – denn der düstere Kleidungsstil wird von manchen leider als Einwilligung betrachtet (obwohl er wie gesagt nichts mit BDSM zu tun hat). Und das … kann wirklich unangenehm und gefährlich werden.

Das Grundproblem ist in meinen Augen, dass Ja-Sagen in sexuellen Situationen insgesamt nicht ernst genug genommen wird. Das „Ja“ muss nicht verbal sein, aber es muss eindeutig sein.

„My dress is not a yes“ gilt auch hier. Eine Frau möchte nicht automatisch begrabscht werden, nur weil sie einen kurzen Rock trägt. Ein Mann möchte nicht automatisch in den Schritt gefasst werden, nur weil er körperbetonte Kleidung trägt. Übrigens darf auch kein Mensch einen tatsächlichen Fetisch-Fan oder eine wirkliche BDSM-Liebhaberin einfach so anfassen.

Gothic ist keine reine Jugendkultur, aber viele Goths sind sehr jung. Sexuelle Übergriffe oder auch „nur“ verbale Zudringlichkeit ist bei Minderjährigen noch schlimmer. Es ist auch nicht in Ordnung, als 30-Jähriger eine 14-Jährige anzusprechen und ihr zu erzählen, wie toll man es fände im Bett geschlagen zu werden und sie dabei zu beglubschen.

Es ist aber auch nicht in Ordnung, das mit einer erwachsenen Person zu machen. Tastet euch nicht im wörtlichen, sondern im übertragenen Sinne an das Gesprächsthema heran – und wenn ihr merkt, dass kein „Ja“ kommt, zieht euch zurück.

Ich bin nicht dein Freitagabend-Entertainment

Dieser Punkt könnte ein ganzes Buch füllen, deshalb fasse ich mich bewusst etwas knapp. Ich halte es für natürlich, dass Menschen öfter angesehen werden, die irgendwie ungewöhnlich aussehen. Deshalb nehme ich es auch niemandem übel, wenn mich andere Leute ansehen. Inzwischen nehme ich die Blicke nicht einmal mehr wahr – sie werden mir erst dann wieder bewusst, wenn ich mit anderen Leuten unterwegs bin, die daran nicht gewöhnt sind und deshalb entsprechende Bemerkungen machen.

Trotzdem treiben es manche Menschen einfach zu weit. Ich muss keine Rechenschaft darüber ablegen, wer ich bin oder warum ich mich auf eine gewisse Art kleide. Wenn ich Zeit und Lust habe, mache ich das bei entsprechenden Fragen manchmal – aber wenn ich einen Termin habe oder im Moment einfach nicht möchte, dann fasse ich mich kurz und will weitergehen/in der Straßenbahn in Ruhe gelassen werden.

Ich möchte auch nicht von Fremden angefasst werden, egal warum. Es ist extrem aufdringlich, auf der Straße auf eine Person zuzugehen und an ihrer Kleidung oder an ihren Haaren zu zupfen. Es ist auch nicht okay, Menschen ohne ihre Einwilligung zu fotografieren. Diese Grundsätze ändern sich nicht, nur weil die Person sich alternativ kleidet – oder eine sichtbare Behinderung hat, eine andere Hautfarbe als du besitzt oder was-auch-immer. Anders ≠ Freiwild.

Solches Verhalten ist kein Kompliment, sondern eine Form von Belästigung.

Gothic ist keine Jugendkultur

Gothic wird oft als Jugendkultur bezeichnet – es gibt sogar entsprechende Forschungsarbeiten darüber. Das ist allerdings so nicht richtig. Oder, besser ausgedrückt: Das bedeutet nicht, dass Gothic nur in der Jugend legitim ist.

Dass es mehr jugendliche Gruftis gibt als erwachsene, hat verschiedene Gründe. Jugendliche sind experimentierfreudiger und sie müssen manchmal noch herausfinden, wer sie sind. Viele Menschen haben sich aber auch als Erwachsene noch nicht wirklich gefunden, insofern ist das auch alles relativ.

Solche Experimente sollten jedoch nicht damit abgewertet werden, dass sie „nur eine Phase“ genannt werden. Solange du keine funktionierende Kristallkugel besitzt und die Zukunft mit einer Sicherheit von 100 % richtig vorhersagen kannst, weißt du es schlicht und einfach nicht. Meine Eltern haben auch gesagt, es sei nur eine Phase. Heute haben sie akzeptiert, dass schwarze Kleidung einfach zu mir gehört. Sie sind übrigens trotzdem noch meine Eltern. 🙂

Jugendliche können sich in der Regel freier ausleben als Erwachsene. Viele erwachsene Goths sind im Alltag nicht eindeutig als solche zu erkennen. Viele tragen schlichte schwarze Kleidung, die auch Nicht-Goths tragen, oder sie besitzen auch das eine oder andere bunte Kleidungsstück. Auch das kann eine Form von Arbeitskleidung sein – Arbeitskleidung muss nicht immer vorgeschrieben sein, sondern ist manchmal auch eine Folge des gesunden Menschenverstands. Ich würde z.B. im Hospiz nicht ausschließlich schwarz tragen, weil die Farbe dort in einem anderen Kontext steht. Totenkopf-Prints fände ich dort geschmacklos. Es ist völlig normal, dass die eigene Persönlichkeit im Beruf ein wenig in den Hintergrund tritt – das ist keine Identitätsverleugnung. (Ein ewiges Streitthema in der Szene. ;))

Manche Kleidungsstile und einzelne Kleidungsstücke sind mit dem Alltag auch nicht kompatibel. Reifröcke oder zerrissene Strumpfhosen passen nicht in die Arbeitswelt, drei Meter lange Nieten sind auch eher etwas für die Freizeit.

Goths sind keine besseren oder schlechteren Menschen

Ich habe schon den Eindruck, dass bestimmte Menschen in der schwarzen Szene stärker vertreten sind als anderswo. Trotzdem sind wir letztlich einfach nur Menschen. Goths sind nicht schlechter oder besser als andere Menschen.

Der Punkt lässt sich von zwei Seiten betrachten. Angenommen, du bist kein Goth. Dann belächelst du Gothic vielleicht oder sagst, es sei nur eine Phase. Vielleicht findest du die schwarze Subkultur auch kindisch, unreif oder zwanghaft-rebellisch. Manche Menschen glauben auch, Goths könnten sich nur so kleiden, weil sie ohnehin arbeitslos seien – hier verweise ich auf den vorherigen Abschnitt. Aber vielleicht denkst du auch, alle Goths seien Künstler und unglaublich kreativ. Schöngeistige Geschöpfe der Nacht, mit einem angeborenen Sinn für Poesie und einem zerbrechlichen Charakter. Eine gequälte Seele, die sich in der verblühenden Rose widerspiegelt, die sie sich an die Brust presst und die in ihrem Zerfall eine besondere Schönheit entfaltet.

*Drama-Modus deaktivier*

Beides kann richtig sein, aber als pauschale Annahme ist beides falsch. Nicht jeder Goth ist selbstkritischer als andere Menschen, nicht jeder Goth hat psychische Probleme, nicht jeder Goth idealisiert den Tod, nicht jeder Goth ist sensibel, nicht jeder Goth trägt schwarz. (WAS?!) Die schwarze Szene streitet sich heftig darüber, was Gothic eigentlich ist. Die meisten Individuen haben dazu eine Meinung, aber letztlich sind es eben nur persönliche Meinungen. Auch meine Meinung ist … nun ja, eine Meinung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Schauen wir uns das Guter-Goth-böser-Goth-Spiel nun von der anderen Seite an: Angenommen, du bist Goth. Vielleicht siehst du in anderen Goths Verbündete und Gleichgesinnte, du fühlst die „endlich zu Hause“, wenn du unter anderen Gruftis bist. Vielleicht nimmst du an, nur mit anderen schwärzlichen Gestalten ließen sich tiefgründige Gespräche führen und die „Normalen“ seien grundsätzlich oberflächliche und konsumgeile Mitläufer ohne wahre Persönlichkeit. Vielleicht denkst du aber auch, dass du der einzig wahre Goth bist, dass Gothic heute ja nicht mehr dasselbe ist wie Früher™, dass der „Szene-Mainstream“ nur noch ein kommerzieller Zirkus ist – eine Karnevalsveranstaltung, die von oberflächlichen Mitläufern dominiert wird, die nicht selbst denken und sich nur als Goth bezeichnen, weil sie sich aufspielen und cool sein wollen.

Jap. Das gibt es auch. Wer sich jetzt auf die Pikes getreten fühlt, sollte sich die folgenden Worte vielleicht zu Herzen nehmen: Gruftis sind einfach nur Menschen. Sie sind nicht automatisch besser oder schlechter als andere.

Es ist es essentiell, sich auf Menschen einzulassen – nicht im Allgemeinen, sondern im Einzelnen. Wenn du erst gar nicht ernsthaft versuchst, mit jemandem ein tiefgründiges Gespräch zu führen, wirst du mit dieser Person eben keine tiefgründigen Gespräche führen können. Wenn du Menschen die Fähigkeit zu selbstständigem Denken absprichst, nur weil sie zu einem anderen Ergebnis kommen als du, ist das paradox – denn selbstständiges Denken setzt nun einmal nicht voraus, dass eine Einzig Wahre Antwort Auf Alle Fragen™ existiert und alle zu demselben Ergebnis kommen.

Wenn du dich nicht auf einen anderen Menschen einlassen möchtest, ist das deine Entscheidung. Aber dann beschwere dich nicht über Dinge, die du nur in andere hineininterpretierst, und vor allem: Maße dir keine Bewertung einer Person an, die du nicht kennst. Das gilt für Gruftis ebenso wie für Nicht-Gruftis, egal wer wen bewertet, aufwertet oder abwertet.

Viel Lärm um’s „nicht …“

Über dieses Thema kann ich mich stundenlang auslassen. Seltsamerweise geht es in der Szene häufiger darum, was Gothic eigentlich nicht ist oder welche Aspekte der Szene einem persönlich nicht zu sagen. Definition per Ausschlussprinzip. 😉

Falsche Annahmen können jedoch auch sehr unangenehm sein – nicht nur, weil mir dabei etwas angedichtet wird, was gar nicht zu mir gehört oder mir sogar widerspricht; sondern auch, weil daraus unangenehme und sogar gefährliche Missverständnisse entstehen können.

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