Wann habe ich genug recherchiert?

Seit mehreren Jahren recherchiere ich nun zu einem Thema, über das ich einen Roman schreiben möchte. Nicht nur irgendeinen Roman: Er soll gut werden. Dabei habe ich mit Dem Thema™ eigentlich gar nichts am Hut. Woher weiß ich, wann ich genug recherchiert habe?

Wissenschaft vs. Atmosphäre

Bei wissenschaftlichen Fragen finde ich es relativ einfach, den Punkt zu bestimmen, an dem ich guten Gewissens sagen kann: „Okay, das war’s. Das ist genug Recherche.“ Das mag daran liegen, dass ich eine wissenschaftliche Ausbildung habe – aber für Atmosphäre, Klischeevermeidung und Lebenserfahrung gibt es keinen akademischen Standard.

Wenn ich …

  1. in einer aktuellen Ausgabe eines Standard-Lehrbuchs nachschlage,
  2. die letzten zwei Metaanalysen über Das Thema™ lese
  3. und in einer Fachdatenbank nach verwandten Stichworten suche,

… dann kann ich relativ zügig feststellen, ob ich bei einer wissenschaftlichen Frage etwas Essentielles übersehen habe. Aber wenn es eben nicht um eine sachliche Frage geht, sondern um Erfahrung und Atmosphäre? Solche Fragen drehen sich eher um „Wie fühlt sich das an?“ als „Welche Statistiken gibt es darüber?“.

Der leichte Weg

Es gibt einen leichten Ausweg: Die Feinheiten einfach ignorieren. Klischees in Kauf nehmen. Die Protagonistin als Veteranin auf Dem Gebiet™ präsentieren, aber sie dumme Anfängerinnenfehler machen lassen – weil ich selbst mangels Einblicken gar nicht bemerke, dass es dumme Anfängerinnenfehler sind.

Diese (zu) einfache Lösung ist uns allen schon aufgefallen. Die meisten von uns haben sich vermutlich darüber geärgert. Dann nützt es auch nichts, wenn andere Menschen den Roman als so realistisch und lebensecht loben. Wir wissen es besser, weil wir uns auf Dem Gebiet™ auskennen, während die Lobenden keine Ahnung von Dem Thema™ haben.

Manchmal ist es anders, weil es mehr als eine Lebenswirklichkeit geben kann. Jedes Klischees ist auch mal wahr – und sei es nur durch Zufall. Darauf könnte ich mich natürlich ausruhen. Mich stört es als Leserin allerdings, wenn ich immer dasselbe Klischee lesen muss, aber die anderen 99% Nicht-Klischees in der Literatur nie auftauchen. Deshalb möchte ich auch als Autorin diesen (zu) leichten Ausweg nicht wählen. Jedenfalls nicht immer. 😉

Der schwere Weg

Den schweren Weg beschreite ich im Augenblick in Bezug auf Das Thema™: Seit Jahren verfolge ich verschiedene Quellen. Dazu gehören auch (aber nicht nur!) Blogs und Erfahrungsberichte. Auf diese Weise lassen sich wunderbar Eindrücke sammeln. Wenn ich allerdings nur zwei Wochen lang wie eine fleißige Biene von Wissensblume zu Wissensblume fliege, erhalte ich nur einen Querschnittshonig. Meine Recherchepollen stammen alle aus derselben Zeit und aus der Vergangenheit.

Für eine ausführliche Recherche zu einem aktuellen Thema benötige ich als Recherchebienchen allerdings Längsschnitthonig. Ich muss verfolgen, wie sich bestimmte Teilaspekte im Laufe der Zeit entwickeln. Abgeschlossene Entwicklungen (z.B. alte Blogartikel) sind dafür besser als nichts, aber sie sind nicht genug. Ich muss ein Gespür dafür bekommen, wie es sich anfühlt, „dabei“ zu sein – auch wenn ich nur als Beobachterin am Rand stehe. Dieses Miterleben, über längere Zeiträume hinweg, halte ich für unverzichtbar.

Ich muss beobachten, welche aktuellen Geschehnisse Das Thema™ beeinflussen. Das sind häufig auch Dinge, auf die ich selbst gar nicht gekommen wäre, weil Das Thema™ eben nicht zu meinem persönlichen Leben gehört.

Intensität vs. Dauer

Ich halte sowohl die Intensität der Recherche als auch ihre Dauer für wichtig. Manchmal ist es gut, wenn ich mich für einen Tag, zwei Wochen oder einen Monat nur auf ein Thema konzentriere. Diese Phase kann vor allem am Anfang wichtig sein.

Aus den o.g. Gründen finde ich aber auch die langfristige Beobachtung wichtig – denn kein Thema ist starr. Die Welt verändert sich bekanntlich, und genauso ergeht es den Dingen in dieser Welt.

Wann ziehe ich den Schlussstrich unter der Recherche?

Trotzdem muss ich die Recherche irgendwann abschließen. Sonst kann ich meinen Roman ja nie schreiben (oder ständig umschreiben). Das Thema™ wird sich auch weiterhin wandeln. Sogar historische Themen sind nie wirklich abgeschlossen. Das heißt: Die Ereignisse sind natürlich bereits abgeschlossen, aber unser Bild wird immer vollständiger. Manchmal stellt sich dabei heraus, dass das vorherige Bild völlig falsch war.

Wenn es um aktuelle Themen geht, halte ich einen Beobachtungszeitraum von mindestens einem Jahr für angemessen. In einem Jahr bekomme ich schon einen guten Eindruck von Dem Thema™ und stolpere wahrscheinlich über die gröbsten Klopper und Klischees, die ich vermeiden sollte. Außerdem entwickle ich ein Gespür dafür, was für meine Protagonistinnen wichtig sein könnte und wie sie ticken könnten.

Das Ziel meiner Recherchen ist es nicht, 1:1 von Betroffenen zu stehlen. Die Zielgerade meiner Recherche lässt sich so zusammenfassen:

  1. alle Eindrücke gemeinsam verarbeiten
  2. abstrahieren
  3. daraus wieder einen Einzelfall konstruieren

Das ist mir aber zu anstrengend!

Manchmal bin ich dabei wie ein bockiges kleines Kind. Ich will den Roman jetzt schreiben! Ich will nicht jahrelang warten! Ich habe es satt, dass mir alle schönen Plotideen ständig von der blöden Realität über den Haufen geworfen werden!

Tja, so ist das eben. 🙂

Ich schreibe nicht eine Geschichte nach der anderen. Ich schreibe hier, plotte dort, überarbeite da drüben und habe zwischendurch schon wieder zehn neue Ideen notiert. Dadurch kann ich es mir erlauben, über Das Thema™ jahrelang zu recherchieren. Immerhin habe ich noch genug andere Projekte, sowohl eigene als auch Auftragsarbeiten (über die ich hier leider nie wirklich schreiben kann, sorry).

Manchmal ist mir meine eigene Recherchemethode zu anstrengend. Dann brauche ich frische Luft, eine warme Tasse Tee und ein gutes Gespräch mit einer Freundin. Gern auch alles gleichzeitig. Schon sieht die Welt wieder besser aus. 🙂 Außerdem muss ich natürlich nicht jedes Mal so ausführlich recherchieren.

  • Eigene Erfahrungen? ✓
  • Umfangreiches Vorwissen auf genau diesem Gebiet? ✓
  • Rein theoretisches/abstraktes/fingiertes Problem in einer selbst erfundenen Welt? ✓
  • Unkritisches Thema, das niemandem weh tut? ✓

In diesen Fällen ist mir eine jahrelange Recherche nicht so wichtig. In all diesen Fällen muss ich natürlich trotzdem recherchieren – altes Wissen auffrischen, nochmal einzelne Details checken, mögliche Alternativen berücksichtigen, interne Logik sicherstellen usw.

Fazit?

Lange Recherchen lohnen sich! Manchmal kann es frustrierend sein, wenn die anfänglichen Ideen sich als unbrauchbar herausstellen – weil die Realität nunmal anders aussieht oder weil es ein wirklich nerviges Klischee ist, das niemand mehr hören kann. Aber davon kann ein Roman eigentlich nur profitieren. Ich versuche, solche vermeintlichen Fehlschläge als Erfolg zu betrachten. Immerhin habe ich gerade eine Klippe umschifft. 🙂

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